Legasthenie, AD(H)S, AVWS oder einfach nur … *öldumm*?

Schon früher gab es AVWS & Co

Ich begab mich im Rahmen meines Urlaubs in Holland auf Zeitreise im Erlebnismuseum in
Arnheim. Altehrwürdige Anwesen, pittoreske Handwerksbetriebe, authentische Tante Emma-Läden und
Bauernhöfe wie zu Urgroßmutters Zeiten, selbstverständlich auch Windmühlen aller Art – da wird
Geschichte lebendig. Normalerweise ist für mich Erholung weg von all den erschütternden
Schulschicksalen, weg von verzweifelten Eltern, weg von frustrierten Kindern, … Ich muss meine
Batterien aufladen, damit ich dann wieder voll und ganz für meine Trainingskinder da sein kann.
Tja … einfach auf andere Gedanken kommen.

Leider wurde ich schneller von dem Thema AVWS (Auditiver Verarbeitungs- und
Wahrnehmungsschwäche) oder AD(H)S eingeholt, als mir lieb war. Da stand ich also in einer alten
Ölmühle. Leinöl wurde hier früher hergestellt. Meine erstaunten Augen versuchten die komplizierte
Konstruktion, die in erster Linie aus Holzbauteilen bestand, zu erfassen. Der Antrieb für das
Einschlagen von Stempeln auf den Presstisch wurde durch den so genannten Göpel
bewerkstelligt. Dabei wird in der Regel ein Pferd im Kreis herumgetrieben. Ich folgte der
erklärenden Handbewegung des Reiseleiters. „Nein!“ Beinahe hätte ich laut aufgeschrien. Lief
doch tatsächlich ein Pferd dort im Kreis herum! Als manchmal zu gut erzogener Mensch
unterdrückte ich meinen Entsetzensschrei. Nur ja nicht auffallen! Aber zum Glück! Bei näherem
Hinsehen entpuppte sich das ganze als gut gemachte Diaprojektion. Manchmal hilft
einschränkende Erziehung, sich nicht zu blamieren.

 

©David-W- photocase.de

Nach etlichen geschichtlichen Daten und Fakten wurde die Presse – heute wird das alte Werkel mit Strom betrieben – eingeschaltet. Ein lauter Rums und noch einer und noch einer erfüllten die kleine Hütte. Alle Besucher hielten sich aufgrund der Vorwarnung die Ohren zu. Dann kam das, worüber ich seither nachdenke. Dazu muss man wissen, dass die Menschen keine extra Wohnungen oder Häuser besaßen, sondern damals mit Kind und Kegel in der  Werkstatt lebten. Der Reiseleiter schilderte ausführlich, wie das war. Dann kam der Satz, der mich bis heute beschäftigt. Er erklärte, dass es in Holland einen Ausspruch gäbe, dass jemand „öldumm“ sei. Das käme eben aus jener Zeit, als Kinder neben dem ohrenbetäubenden Lärm des Pressschlägels aufwachsen mussten. In der Schule hätten sie den Lehrer nicht verstanden und wären eben öldumm geblieben.

 

Heute ist es ein anderer Lärm … Ups ….

Ich arbeite mit Kindern mit AVWS und ich erlebe immer wieder, dass diese Kinder zwar nicht als öldumm bezeichnet werden, aber als unkonzentriert, unaufmerksam, rechtschreibschwach usw. Im schlimmsten Fall bekommen sie Etiketten mit der Aufschrift ADS oder ADHS und im allerschlimmsten Fall bekommen sie gar Ritalin oder ein anderes Medikament. Die AVWS kommt heutzutage nicht mehr vom lauten Stempel-Rums in der Ölmühle. Die Ölmühlen heißen heute: Gerätelärm im Brutkasten für Frühchen, häufiger Ultraschall, das Brummen des Ladegerätes vom Handy, das Brummen des Geschirrspülers, des Kühlschranks, Dauerberieselung von Fernsehen und Radio, der Straßenlärm, die Klimaanlage, …

Liebe Grüße,

Franzi